Jene Nacht in Marmaris: Mehmet Çetin

Vergleich der Löcher am Körper und an der Kleidung Mehmet Çetins mit der Geschossgröße der Soldaten

Im vorigen Kapitel habe ich dargelegt, dass nach dem Kleidungsuntersuchungsbericht Geschosse in Mehmet Çetins Körper geblieben sein könnten und dass diese nicht entnommen und der Staatsanwaltschaft übergeben wurden. In jener Nacht verwendeten die Soldaten Gewehre vom Typ HK-416, M4 und MG-4. Pistolen verwendeten sie nicht. Alle diese Gewehre verschießen Geschosse vom Kaliber 5,56 mm. Vielleicht wurden die Geschosse in Mehmet Çetins Körper zwar entnommen, aber wegen ihrer Größe nicht an die Staatsanwaltschaft gesandt. Oder aber man stellte — weil sich hätte feststellen lassen, aus welcher Waffe die entnommenen Geschosse abgefeuert worden waren — ein Geschoss, das aus der Waffe abgefeuert wurde, die Şükrü Seymen gehören soll, so dar, als sei es aus Mehmet Çetins linkem Knie entnommen worden. In diesem Kapitel untersuchen wir die Größen der Löcher, die sich am Körper und an der Kleidung Mehmet Çetins finden.

Die Größen einiger im Obduktionsbericht angegebener Löcher sind im Verhältnis zum Geschosskaliber, das aus den Waffen der Soldaten abgefeuert werden könnte, groß. Im Kleidungsuntersuchungsbericht wiederum gelangte man anhand der Verteilung der Schmauchspuren, die an den Wunden am linken Arm und am rechten Bein festgestellt wurden, zu dem Schluss, dass der Schuss aus großer Entfernung abgegeben wurde. In dem von der Türkischen Ärztekammer herausgegebenen Buch Birinci Basamak İçin Adli Tıp [Rechtsmedizin für die Grundversorgung] heißt es, dass bei Schüssen aus großer Entfernung die Haut sich spannt, wenn das Geschoss auf sie trifft, dass die Haut, nachdem das Geschoss sie durchdrungen hat, dazu neigt, elastisch in ihre frühere Lage zurückzukehren, und dass daher der Durchmesser des Einschusslochs in der Regel kleiner ausfällt als das Kaliber des Geschosses. Im Obduktionsbericht wurde das Einschussloch außen in der Mitte des linken Arms mit 0,8 × 0,8 cm und das Einschussloch am rechten Bein mit 7 × 4 cm gemessen. (Obduktionsbericht Mehmet Çetin (Muğla Adli Tıp Şube Müdürlüğü, 03.08.2016, AT: 2016-1238))

In seinem begründeten Urteil hat das Gericht befunden, dass Mehmet Çetin von den Soldaten getötet wurde.

„…die Angeklagten töteten den die äußere Sicherung der Villa gewährleistenden Personenschützer Mehmet ÇETİN; es wurde festgestellt, dass eine der Mehmet Çetin treffenden Kugeln aus dem Gewehr mit der Seriennummer W349539 abgefeuert worden war, auf dem dem Angeklagten Şükrü SEYMEN gehörende Epithelzellen festgestellt wurden; mithin war einer der Personen, die auf den Getöteten Mehmet ÇETİN feuerten und mindestens einen Treffer erzielten, der Angeklagte Şükrü SEYMEN, und die übrigen Angeklagten trugen unmittelbar zur Ausführung der Tat bei, indem sie sich gemeinsam am Gefecht beteiligten oder dessen Sicherung gewährleisteten — all dies ergibt sich aus den ausweichenden Einlassungen der Angeklagten, den Erklärungen der Geschädigten, dem in der Akte befindlichen, von den geschädigten Polizeibeamten aufgenommenen Protokoll vom 18.07.2016 (siehe Beweise 4-1), den Berichten über die Leichenschau und die Obduktion (siehe Beweise 18-1, 18-3), dem kriminaltechnischen ballistischen Gutachten (siehe Beweise: 15-14) und dem gesamten Akteninhalt."

Es wurde jedoch festgestellt, dass alle Waffen, die die Soldaten in jener Nacht bei sich hatten, ausnahmslos Geschosse vom Kaliber 5,56 mm verschossen. Die Soldaten führten Waffen vom Typ HK-416, M4 und MG-4 bei sich, und alle verschießen Geschosse vom Kaliber 5,56 mm. Bei einem Schuss aus großer Entfernung müsste das Einschussloch, das ein Geschoss vom Kaliber 5,56 mm erzeugt, in der Regel sogar kleiner als 5,56 mm seinDr. Ercüment Aksoy, Dr. Atınç Çoltu, Dr. Beyhan Ege u. a.: „Adli Travmatoloji" [Forensische Traumatologie]. In: Birinci Basamak İçin Adli Tıp [Rechtsmedizin für die Grundversorgung]. Türkische Ärztekammer. https://www.ttb.org.tr/eweb/adli/4.html. In diesem Fall erscheint es nicht möglich, dass ein Geschoss vom Kaliber 5,56 mm ein Einschussloch von 8 mm (0,8 cm) — geschweige denn von 70 × 40 mm (7 × 4 cm) — erzeugt.

Ähnliches gilt für die Löcher in der Kleidung. Auch bei den Löchern in der Kleidung ist zu erwarten, dass sie annähernd mit dem Geschosskaliber übereinstimmen. In Mehmet Çetins Kleidung finden sich jedoch Löcher von 1 cm, 1,5 cm und 2 cm Durchmesser. (Chemisches Untersuchungsgutachten der Kleidung (Mehmet Çetin & Nedip Cengiz Eker; İzmir Kriminal Polis Laboratuvarı, 22.08.2016, IZM-KIM-16-08515-Ek))

Im Ergebnis hätten, wenn die Soldaten mit ihren Gewehren vom Kaliber 5,56 mm auf Mehmet Çetin geschossen hätten, an seinem Körper und an seiner Kleidung Geschosslöcher von höchstens 5 mm — in einigen Ausnahmefällen von etwas größerem Durchmesser — vorhanden sein müssen. Tatsächlich aber gibt es sowohl am Körper als auch an der Kleidung Löcher von 0,8 cm, 1 cm, 1,5 cm und 2 cm Durchmesser sowie von 7 × 4 cm Größe. Dass diese von einem Geschoss des Kalibers 5,56 mm stammen, ist höchst unwahrscheinlich. Nach den Daten des Kleidungsuntersuchungsberichts blieben die Geschosse, die an Mehmet Çetins Arm ein Loch von 0,8 cm und an seinem Rücken ein Loch von 1 cm Durchmesser erzeugten, in seinem Körper. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Geschosse, die aus Pistolen vom Kaliber 9 mm abgefeuert wurden. Mit Pistolen haben die Soldaten in jener Nacht nicht geschossen. Trotz all dieser Beweise hat das Gericht befunden, dass Mehmet Çetin von den Soldaten getötet wurde. Es wird eingeschätzt, dass dieses Urteil falsch ist und dass das Verfahren wiederholt werden muss.